Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Mode im Größenwahn

Mode im Größenwahn

von Marie Therese

Ihr Lieben,

 

jetzt also mal wieder Oversize – und gemeint sind nicht etwa Übergrößen für “kräftige” Frauen: sehr großzügige, überdimensionierte Schnitte sind gerade voll im Trend. Riesengroße Kastenpullis, die fast bis zu den Knien reichen, extrem weite Hosen, die in der Tallie mit einem Gürtel festgeschnallt werden müssen oder weit flatternde Kleider, das alles trägt man jetzt wieder. Ein Look, der für Freiheit und Emanzipation stehen soll. Aber hatten wir das nicht alles schon einmal?

 

Ich kann mich gut daran erinnern, in meinen Pubertätsjahren stritt ich mit meinen beiden jüngeren Schwestern um die abgelegten Hemden und Pullover unseres Vaters. Der Mann war nicht gerade schmal gebaut, seine Pullis für uns Mädels also riesiggroß und sie hatten nichts von dem, wie unsere Mutter uns gerne gesehen hätte. Aber genau das war ja Sinn der Übung! Unser Ziel war: anders sein als die alten Eltern – wir wollten uns bewusst absetzen, es sollte ein Statement sein gegen das Establishment, und dafür gab es keine bessere Ausdrucksmöglichkeit als unsere Kleidung. Eng anliegende, taillierte Kleider waren für uns damals ein NoGo. Natürlich auch Schuhe mit Absätzen, das ging gar nicht. Feminine Rüschenblusen, womöglich noch mit Dekollete, waren das Sinnbild für Spießigkeit. Mit den viel zu großen weißen Oberhemden unseres Vater dagegen fielen wir auf. Und dazu zu stehen, das war unsere Form von Aufmüpfigkeit. Es hatte etwas Befreiendes.

 

Jetzt ist diese Mode auf einmal wieder da. Da frage ich mich, was dahinter steckt: Ist das heute abermals ein Akt der Befreiung, ein Statement gegen Konventionen? Raus aus der Enge, weg mit dem Einschnürenden, ein selbstbewusstes Stehen zu sich selbst?

 

Machen wir uns nichts vor: es ist erst einmal nur ein Kontrast zum letzten Branchentrend, denn bekanntlich zitiert sich die Mode immer wieder selbst. Aber ich finde, er passt gut in diese Zeit. Wenn der Körper nicht gleich zur Schau gestellt wird, hat das auch etwas Entlastendes. Man besinnt sich vielleicht eher auf innere Werte. Druck und Stress haben wir im Alltag genug, zumal in diesen Zeiten. Offen gestanden: ich kann mich gut damit anfreunden, und zum Glück bin ich heute nicht mehr auf abgetragene Männerpullover angewiesen.

 

Ihre

Marie Therese

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.