Ihr Lieben,

Aus der Psychologie wissen wir, dass tiefgreifende Veränderungen mitunter erst mit einiger Verzögerung realisiert werden. Bei traumatischen Erlebnissen dauert es oft eine Weile, bis man begreift, was da eigentlich passiert ist. So geht es mir jetzt auch mit der Pandemie. Nach den ersten Lockerungen zu Pfingsten hatte ich gehofft, dass wir irgendwann wieder zurückkehren würden zu unserem alten Leben. Klar, unter Einhaltung aller Hygieneregeln, Abstand haltend und Hände waschend. Aber doch in den eingeübten Mustern, also nach einer anstrengenden Woche erstmal shoppen gehen, hinterher eine Kleinigkeit in der Stadt essen und dann vielleicht noch ins Kino, die Wochenenden immer schön durchgeplant.

Ich stelle fest: Das mag ich so nicht mehr. Da hat sich etwas verändert in meinem Leben. Die Einschränkungen des Lockdown mit Homeoffice, Homecooking und womöglich Homeschooling waren natürlich belastend. Auf der anderen Seite gab es eine andere Art von Freizeit: selten war ich so viel in der Natur; die vielen Spaziergänge und Wanderungen haben mehr Ruhe in mein Leben gebracht. Keine Verabredungen, keine Reisen – das war auch eine neue Freiheit für mich.

Das hat auch mein Verhältnis zur Mode verändert. Vor einigen Wochen hatte ich hier in meinem Blog davon gesprochen, dass es in meinem Kleiderschrank zwei Zustände gebe – „ein ‚Vor Corona’ und ein ganz, ganz schmales ‚Nach-Corona’“. Erst heute wird mir klar, wie sehr die Pandemie hier für mich einen Wendepunkt gesetzt hat. Weniger ist mehr, lautet jetzt die Devise, ich kaufe viel weniger und zugleich viel bewusster ein, setze auf Qualität und Nachhaltigkeit und versuche, in meinem Modestil die Natur und das Handwerk wertzuschätzen. Das hat natürlich seinen Preis, das darf dann auch mal was kosten, aber das ist es mir wert.

Ich könnte mir vorstellen, dass es vielen von Ihnen ähnlich geht. Im Moment wird einem ja die gesamte Frühjahrsmode für einen Appel und ein Ei hinterhergeworfen. Luxus-Labels sind so günstig wie noch nie, ich werde täglich von Angeboten fast erschlagen. Aber ich kaufe nicht mehr so einfach. Spontane Impulskäufe waren gestern, heute überlege ich dreimal, bevor ich mich entscheide. Nach jedem Schnäppchen zu greifen, das mache ich schon lange nicht mehr.

Für den Modemarkt wird das womöglich gravierende Folgen haben. Etliche Firmen werden in Konkurs gehen, das wird auch viele Arbeitsplätze kosten. Das tut mir natürlich leid, aber ich habe das Gefühl, dass sich die Dinge gerade auch in vielen anderen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft neu sortieren und grundlegend ändern. Die Modebranche muss darauf reagieren. Und sie wird reagieren. Meine Prognose: der nächste Trend verbindet Nachhaltigkeit mit Naturverbundenheit. Ich bin gespannt, wie das dann aussieht.

Ihre

Marie-Therese